Der Weg der goldenen Mitte zwischen Ifrāṭ und Tafrīṭ

Unzählige Male am Tag stehen unsere Lippen still, doch unsere Herzen sprechen:
Ihdinā aṣ-ṣirāṭ al-mustaqīm
„Leite uns auf den geraden Weg.“
Wir sprechen diese Worte so oft, dass sie uns vertraut geworden sind. Vielleicht zu vertraut. Denn was wir hier erbitten, ist weit mehr als eine bloße Richtung. Es ist kein einfacher Pfad, kein schmaler Steg und auch kein zufälliger Weg, der irgendwohin führt. Im Arabischen trägt dieser eine Satz eine Tiefe, die sich nicht in einer schlichten Übersetzung erschöpfen lässt.
Denn „Weg“ ist nicht gleich „Weg“.
Es gibt den Sabīl: einen Pfad, eine Möglichkeit, eine Methode. Leicht begehbar, vielfältig, verzweigt. Er kann zum Guten führen – aber ebenso ins Verderben. Es gibt viele Subul, viele Wege, viele Optionen. Und dann gibt es den Ṭarīq: den allgemeinen Weg, die Route, die Richtung. Gerade oder krumm, sichtbar oder verborgen, materiell oder geistig.
Doch über all diesen Wegen erhebt sich ein einziger: der Ṣirāṭ.
Der Ṣirāṭ ist kein gewöhnlicher Weg. Er ist breit und klar, ohne Krümmung, ohne Schatten, ohne Täuschung. So eindeutig, dass er keinen Plural kennt. Es gibt nicht mehrere Ṣirāṭe – es gibt nur den einen. Der Qur’an nennt ihn stets im Singular und verbindet ihn mit Gott selbst: Ṣirāṭ Allāh, der Weg Gottes. Der Weg der Wahrheit.
Sprachlich wurzelt Ṣirāṭ in einem Wort, das „verschlingen“ bedeutet. Ein faszinierendes Bild: ein Weg, der den Gehenden aufnimmt, ihn trägt, ihm das Vorankommen erleichtert. Wer ihn betritt, wird nicht verloren, sondern geführt. Wer auf ihm bleibt, wird nicht müde, sondern getragen.
Und dann ist da das Wort Mustaqīm.
Oft übersetzt man es schlicht mit „gerade“. Doch seine Wurzel erzählt eine viel tiefere Geschichte. Sie stammt von q-w-m: stehen, aufrecht sein, im Gleichgewicht bleiben. Es ist die Haltung dessen, der fest verwurzelt ist und dennoch lebt. Nicht starr, nicht schwankend – sondern beständig.
Aus derselben Wurzel entspringt Iqāma: etwas aufrichten, gerade machen, fest etablieren. Und Istiqāma: das fortwährende Streben nach Aufrichtigkeit, Ordnung und innerem Gleichgewicht. Nicht ein kurzer Moment der Wahrheit, sondern ein Leben in Beständigkeit.
Wenn wir also um den Ṣirāṭ al-Mustaqīm bitten, bitten wir um mehr als Orientierung.
Wir bitten um einen Weg,
der uns vor Übertreibung bewahrt – jener Härte, die zerbricht –,
und ebenso vor Nachlässigkeit – jener Leere, die auflöst.
Wir bitten um die goldene Mitte: einen Weg, der weder fanatisch verbrennt noch gleichgültig erlischt. Einen Weg, der trägt, weil er im Gleichgewicht steht. Einen Weg, der nicht nur richtig beginnt, sondern dauerhaft bleibt.
Denn Dauerhaftigkeit führt zum Sein.
Allah – jalla shānuhu – ist al-Ḥayy: das Leben selbst. Nicht nur ein Wesen, das lebt, sondern auch die Quelle, aus der jedes Leben hervorströmt. Und Er ist al-Qayyūm: der Sich-selbst-Erhaltende, der Immerwährende, durch den alles Bestand hat.
Wie – durch die Gnade Allahs – meine Wenigkeit in seiner Abschlussarbeit darlegen durfte:
„Allah – niemand ist anbetungswürdig außer Ihm, dem Lebendigen, dem aus Sich Selbst Seienden und Allerhaltenden.
Diese beiden göttlichen Attribute beschreiben nicht nur, dass Gott lebt, sondern dass Er das Leben selbst ist. Sein Sein ist nicht etwas, das Er besitzt, sondern etwas, das Er ist. Durch Ihn erhält alles andere Leben. Das gesamte Universum gleicht einem Spiegel, der fortwährend neu das Licht des göttlichen Seins empfängt.“
Doch gerade hierin liegt auch die Weisheit dieses täglichen Gebets. Denn Gott wusste um den Zustand der Menschen – besonders in der letzten Zeit. Wohin wir blicken, sehen wir Extreme. Überall stehen sich überspitzte Fronten gegenüber. In Religion und Weltanschauung, in Moral und Denken, in Glaube und Zweifel. Zwei Pole, beide laut, beide zerstörerisch.
Darüber habe ich bereits in meinem Artikel „Euer Gott ist tot“ geschrieben. Dieser Text bildet nun den Auftakt zu einer Reihe, die diese Extremen auf verschiedenen Ebenen beleuchten wird. Nicht, um sie weiter anzuheizen – sondern um den Weg dazwischen sichtbar zu machen.
Den Ṣirāṭ al-Mustaqīm.
Den Weg jener, die Dhū l-Qarnain folgen:
die weder im schwarzen Schlamm der Verzweiflung versinken
noch in der prahlenden Sonne der Selbstüberhebung verbrennen.
Sie wandeln in der goldenen Mitte auf dem Pfad des Suchenden. Bis sie dahin ankommen, wo dieser Pfad hinführt – zum ewigen Leben, das Sein selbst.
Excelsior!